|
─ GESCHICHTE DES SCHÜTZENAUSMARSCHS ─ TEIL 6 ─ |
|
Frauen als Zuschauer Historisch gingen im Zug des Schützenausmarschs kategorisch keine Frauen mit, weder als Schützen noch als Musiker, auch nicht zur Zierde. Doch ein Festumzug braucht neben Teilnehmern ebenso Zuschauer. Und wie den Photo-Tafeln überdeutlich zu entnehmen ist, wurden die Streckenränder vom Weibsvolk dominiert. Erstens ergab sich das rechnerisch, weil ja ein Teil der männlichen Hannoveraner marschierte und somit nicht zuschauen konnte. Zweitens zog es private Angehörige der Zugteilnehmer naturgemäß in besonderem Maße an die Strecke. Drittens hatten Frauen es leichter, sich den Montagmorgen freizuschaufeln, da sie früher überwiegend keiner außerhäusigen Berufstätigkeit nachgingen. Viertens, munkelt man, soll diese Präsentationsform von Männlichkeit in Sachen Sexyneß kaum mehr steigerbar sein, weshalb der Schützenausmarsch für viele Frauen eine magische Anziehungskraft besaß. Fünftens waren die Frauen einfach gut sichtbar, indem sie selbstverständlich die vorderen Reihen besetzen durften, nur noch mit den Kindern vor sich. Dadurch bildeten sie auf der gesamten Strecke einen Schlauch, den zu durchlaufen auch ein traumhaftes Erlebnis gewesen sein muß. Anders ausgedrückt, der Schützenausmarsch war eine hocherotische Angelegenheit für beide Geschlechter. Im 19. Jahrhundert mag das vergleichsweise weniger zugetroffen haben, aber mit dem Größenausbau und der umsichgreifenden Uniformierung zum Sichtlich berauschte Frauen versuchen nach dem Schützenausmarsch im Rundteil die Erlebnisse zu verarbeiten:
![]() |
|
Stürmisches Tätscheln mit Zustecken von Blumen Ja es war so, beim Schützenausmarsch beschenkten die Frauen die Männer mit Blumen. Dazu muß man verstehen, daß die Schützenfest-Tage eben Ausnahmezustand in Hannover bedeuteten, und daß Blumen grundsätzlich ein Element von Schützenfesten bilden (in der jetzigen deutschen Schützenhauptstadt Neuß zum Beispiel tragen manche Schützen riesige Blumenhörner über die Strecke). Partnerinnen von teilnehmenden Schützen hatten die Aufgabe, ihre Männer früh morgens beim Ankleiden bereits mit Blumen zu schmücken. Als der Schützenausmarsch noch durch bewohnte Straßen führte, warfen Anwohnerinnen Blumen von den Fenstern herab, um seitens der Schützen Haschversuche auszulösen, was dann allen Beobachtern zur willkommenen Belustigung wurde. Nach dem 2.WK streuten organisierte Frauen wäschekörbeweise Blumen von der Rathauslaube über den gerade losmarschierenden Schützen aus. Vor allem fand eine Handlung statt, die es wert gewesen wäre, mit einem eigenen Begriff belegt zu werden: Hatten sie ihren Liebsten im Zug gesichtet, stürmten Frauen auf die Bahn, tätschelten den jeweiligen Schützen und überbrachten ihm ein Blumengeschenk. Das waren keine Einzelfälle, es war fester Bestandteil des Schützenausmarschs. Auf den alten Aufnahmen findet man bei genauerem Hinschauen häufig laufende oder im Schützenblock weilende Frauen, sowie desgleichen auch Kinder beiderlei Geschlechts, die dann von ihren am Streckenrand verbliebenen Müttern angeleitet worden sein mußten. Gut kann die Sitte schon Jahrhunderte lang zum Schützenausmarsch dazugehört haben, zumal einst das Abschneiden bei den Schießwettbewerben noch mehr Prestige genoß, wozu die Frauen damit viel Erfolg wünschten, und ganz früher auch noch allgemeines Lob auf die Wehrbereitschaft angezeigt war. Als der Schützenausmarsch im 20. Jahrhundert stark anwuchs, begann die Vorarbeit für die Handlung mit dem Studium der Zugaufstellung, deren Kundgabe in den Zeitungen wesentlich zu diesem Zweck geschah. Ein weiterer Streßfaktor war das kurzfristige Beschaffen der Rosen oder Nelken. Im Umfeld der Strecke gab es zwar Verkaufsstände, aber die Ware konnte vielleicht knapp und teuer werden. Und sich einen vorderen Platz am Streckenrand zu sichern, ob an vereinbarter oder an geheimer Stelle, war früher auch kein leichtes Unterfangen. Hatte man das alles geschafft, stieg die Spannung an. Kam der entscheidende Moment, mußten sofort alle Hemmungen fallen. Zaudern oder Unaufmerksamkeit hätte erhebliche Mißstimmung bei Frau und Mann nach sich gezogen (theoretisch konnte dann versucht werden, woanders nochmals an den Streckenrand zu gelangen, praktisch dürfte das bei dem damaligen Menschenauflauf schlecht möglich gewesen sein). Nicht immer waren es Blumen, die zugesteckt wurden. Es existierte auch eine Nebenform, bei der die herangestürmten Frauen ihren marschierenden Partnern oder Söhnen auf der Bahn den Haustürschlüssel übergaben. Dahinter stand die Aussage „Viel Spaß heute auf dem Schützenplatz, bleib so lange du willst, du wirst dich zu Hause nicht rechtfertigen müssen“. Hieraus wird noch etwas deutlicher, daß die Hannoveraner mit dem Brauch im Grunde jene Veranstaltung ehrten, die sie selbst darstellten. Doch unter den Bedingungen der Pracht des ![]() ![]() |
|
Die weißen Damen der Kaiser-Brauerei Für zumindest 1951 und 1952 ist eine bestimmte Beteiligung am Umzug bezeugt, die heute gar nicht der Rede wert wäre, objektiv jedoch als größter Kracher in der Geschichte des Schützenausmarschs eingeschätzt werden muß: Von der Kaiser-Brauerei wurden Damen in aufsehenerregenden weißen Uniformen aufgestellt. Neben den beiden abgebildeten Formationen gingen noch Dreiergruppen in kurzen Kleidern vor den Bruchmeistern her (ob sie auch zur Kaiser-Brauerei gehörten, ist aber ungewiß). Nach hunderten Jahren war es durch sie soweit, erstmals marschierten Frauen mit! Und was für eine geniale Idee, daß sie als friedlich erscheinende Wesen nun teilweise die Waffen(attrappen) präsentierten, welche sich die Schützen infolge des 2. Weltkriegs versagten. Damit nicht genug, in noch einem weiteren Punkt wurden Ordnungsnormen aufgemischt. Denn Frauen in Hosen waren gesellschaftlich noch lange - bis weit in die 1970er Jahre - verpönt. Allenfalls eine Handvoll schillernder Showdiven trat öffentlich so auf, weltweit. Der Schützenausmarsch Hannover, die neue Avantgarde-Bewegung. ![]() ![]() |
|
Hostessen auf den Festwagen Festwagen kann eine mystische Ausstrahlung gegeben werden, indem man jüngere Frauen als lebendige Bestandteile einsetzt. Nur die weiblichen Körperhaltungen und ![]() ![]() Demonstration von Stärke 1969 - was ist nur seitdem passiert: ![]() |
|
Frauen als Schützen In Norddeutschland ist es heute völlig normal, daß die Schützenvereine aus männlichen und weiblichen Mitgliedern bestehen. Warum sollten Frauen denn auch keinen Schießübungen nachgehen? Und wenn sie schießen, warum sollte dies nicht im selben Verein geschehen? Nur in zwei Orten des hannoverschen Raums sind Frauen außen vor, doch branden auch in Neustadt/Rübenberge und Pattensen vermehrt Diskussionen über den Sinn dahinter auf. Einen Sonderfall stellt Eldagsen dar, wo die ersten Frauen gleich mit einem eigenen Klub begannen. In schützenfreudigen Gegenden wie Nordrhein-Westfalen und den Alpen ist die Lage nach wie vor drastisch anders. Dort kennt man vielfach auf breiter Front überhaupt kein weibliches Schützenwesen. Auch in Hannover war das Schießen jahrhundertelang unhinterfragt reine Männersache gewesen. Daß dieses Naturgesetz ausgerechnet in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre aufgebrochen wurde, kann man so oder so beurteilen. Bei mindestens drei hannoverschen Vereinen begaben sich Frauen an die Schießbahn (HJK 78, Post-SV, „Erster Kleinkaliber-Frauen-Schützenverein Hannover“). Zu einer Teilnahme am Schützenausmarsch reichte es bis 1939, der letzten Durchführung vor der Weltkriegspause, aber nirgends. 1952, beim dritten Schützenausmarsch nach dem 2.WK, sollte die Zeitenwende dann gelingen: Laut Zeitungsbericht hatte die „Schützengesellschaft Ernst-August v. 1925“ Schützinnen am Start. Es bedeutete ein Novum für Hannover, für Deutschland, für die globale Menschheitsgeschichte! Erfahrung des Dritten Reichs, Stadt in Trümmern, Euphorie des Aufstrebens, und nun auch noch dieser revolutionärst-mögliche Umsturz - die Leute müssen sich in einem nicht endenwollenden surrealen Film gewähnt haben. Rasch stieg die Zahl der Schützinnen an. In einer Zeit, da das weibliche Geschlecht gesellschaftlich-rechtlich noch als minderwertig galt, marschierten sie mit einem Stolz und einem Selbstbewußtsein beim Schützenausmarsch mit, daß man sich die Augen reiben mußte. Niemand hatte geahnt, wie gut sich auch die Weibersleut in Schützenkleidung machen. Manche Damenabteilungen übernahmen dabei die Uniformfarben der Männer ihres Vereins, andere entschieden sich für einen ausdrücklichen Kontrast dazu. Alles freute sich über diese Entwicklung; Widerstand gab es keinen. Ein ganz gleicher Status wurde dennoch nicht erreicht, z.B. fand das Tätscheln und Blumenzustecken durch Zuschauer unter den umgekehrten Vorzeichen nicht statt. Nur zwei hannoversche Schützenvereine sträubten sich sehr lange gegen die Aufnahme von Frauen (JSG Kleefeld bis 2025, Linden 04 bis 2020). Obwohl es also an bereitstehenden Vereinen nicht mangelte, wurden im Zeitraum 1953-1977 trotzdem auch sechs ausschließliche Damen-Schützenvereine gegründet, einer davon im Vorort Hemmingen-Westerfeld. Wie sie das geschafft haben konnten, ist fast ein Rätsel, aber der DJSK „Hannovera“ und der Hannoversche DSSK stammten gar noch aus dem Zeitalter vor 1958, als Ehefrauen nicht eigenverantwortlich Arbeitsverträge abschließen durften. Heute erinnern an die Episode der aufmüpfig-autonomen Damenklubs allein noch die bernsteinfarbenen Joppen (Jacken) der Damen von Linden 04, welche auf den eingegliederten DSC Linden zurückgehen. Weiterhin alljährlich nimmt ein Damen-Schützenverein aus Göttingen am Schützenausmarsch teil, erkennbar an seiner Standarte, die von den Schützinnen selbst getragen wird. Die verblichenen Damen-Schützenvereine Hannovers hatten dagegen das sympathische Merkmal, daß sie zum Tragen ihrer - schwereren - Fahnen männliche Helfer anheuerten. So konnte das Schützenwesen zugleich maskulin bleiben und auch schön feminin werden.
Diese beiden Photos sollen jeweils von 1952 datieren, können aber nicht weiter eingeordnet werden (die zu sehenden männlichen Schützen sind hüben wie drüben ganz sicher nicht von Ernst-August 25):
|
|
Allegorische Figur „Hannovera“ Um 1960 enthielt der Schützenausmarsch eine personifizierte „Hannovera“, die nicht gelungener hätte gestaltet sein können. Für ihre Farbgebung wurde statt des städtischen Rot-Weiß das wegen der Seltenheit so markante Gelb-Weiß des Königreichs Hannover gewählt. Ein Erkennungszeichen war auch die hohe Spitzhaube. Ob Absicht oder Zufall, eine Frau in dieser Aufmachung hatten die hannoverschen Schützen schon beim Umzug des Deutschen Bundesschießens 1890 in Berlin als „Hannovera“ mitgeführt (wohingegen die „Hannovera“ beim Umzug des Deutschen Bundesschießens 1903 anders aussah). ![]() |
|
Frauen als Musiker Weshalb Frauen auch in den Musikzügen nicht vertreten waren, müßte man tief in den allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen ergründen. Außenaktivität war halt männlich behaftet, jedwede Veränderungen drohten die Seriösität zu gefährden, und eine körperliche Leistung wie ordentliches Marschieren wurde dem Weibe gar nicht unbedingt zugetraut. Dabei hätte man zur Erhöhung des Klangvolumens mehr Musiker doch immer gut gebrauchen können. Daß dem weiblichen Geschlecht alle Instrumente zugänglich sind, bewies 1957 der Auftritt einer dänischen Mädchenkapelle namens „Aarhus Garden“. Da benötigte es erst diese jungen Däninnen, um nach Jahrhunderten den Bann zu brechen. Gedeichselt hatte die Teilnahme von Aarhus Garden vermutlich Linden 04. In den Folgejahren sickerte das weibliche Geschlecht dann allmählich auch in die heimischen Musikzüge ein, zuerst wiederum über Mädchen. Aarhus Garden reiste übrigens auch noch mehrmals an. Unübersehbar hat sich in den Musikzügen eine ziemlich durchgängige Arbeitsteilung eingefunden. Während einige Instrumente von ihnen kaum gespielt werden, entsteht an der Querpfeife sowie an der Klarinette mit Frauen/Mädchen der stimmigere Gesamteindruck. Eine weitere Domäne waren die Landsknechtstrommeln bei den echten Fanfarenkorps, welche es in den 1960er-1970er Jahren auch in Norddeutschland gab (manchmal nehmen am Schützenausmarsch ostdeutsche, aus der DDR hervorgegangene Fanfarenkorps teil, wo die Landsknechtstrommeln stets rein weiblich besetzt sind). Ausschließlich Frauen bedienten auch das Schlagwerk des kurzlebigen „Fanfarenkorps Hannover-Südstadt“. Aarhus Garden beim Auftritt 1957: ![]() Schlagwerk des Fanfarenkorps Hannover-Südstadt: ![]() |
|
Gardetänzerinnen der Karnevalsvereine In Hannover bildete sich in den Nachkriegsjahrzehnten auch eine Szene von etwa zehn Karnevalsvereinen nach rheinischer Art. Mangels eigener Masse gliederten diese sich erstmal sämtlich in den Schützenausmarsch ein, angefangen 1959 durch die
![]() ![]() |
|
Fahnenschwenker Etwa zeitgleich mit dem ersten Karnevalsverein stiegen weiblich formierte Fahnenschwenkergruppen in den Schützenausmarsch ein. Sie stammten aus den Turnvereinen TK Hannover und VfL Hannover, später auch von TuS Bothfeld. Ob sie sich zu einer bestimmten Musik oder unabhängig bewegten, läßt sich nicht erkennen. Ebenso ist völlig unklar, warum diese Kunstform als Sportart aus den Turnvereinen wieder verschwand und auch anderweitig nicht mehr für den Schützenausmarsch gehalten wurde. Verlaß ist aktuell einzig auf die „Marchingband Flying Drums Hannover“, bei der - anstatt einer Puschelgruppe - immer zwei bis vier Fahnenschwenkerinnen vorausgehen. ![]() |
|
Puschelgruppen vor Musikzügen Wann entstanden eigentlich diese Gruppen von Mädels oder jungen Frauen mit den Puscheln? Es mag gegen 1990 gewesen sein, aber das ist einfach nur geschätzt (hier klicken für ein Dokument von 1994). Jedenfalls sind sie nicht mehr wegzudenken, so beeindruckend wie sie den jeweiligen Musikzug optisch aufwerten, dem sie angehören und vorangehen. Solche Beiträge, die nur vom einen Geschlecht geleistet werden können, und von diesem eben auch geleistet werden, sind doch die besten. Über die Einzelnummer hinaus haben sie sogar hebende Wirkung für den Zug insgesamt, indem man beim Blick durch die Straße schon aus großer Ferne die Puscheln in der Höhe rotieren sehen kann. Da der Schützenausmarsch Hannover heute besonders viele moderne Musikzüge (Marchingbands) enthält, dürfte er in Deutschland auch der Festumzug mit den meisten Puschelgruppen sein. Und eine bestimmte Formation sticht nochmals hervor, nämlich diejenige vom Spielmannszug des Schützenvereins Gümmer. Erstens, weil sie seit Generationen allein auf weiter Flur beweist, daß Puschelgruppen genauso gut vor Spielmannszügen funktionieren. Zweitens, weil sie als einzige mit Puscheln in den allgemeinen Schützenfarben Grün-Weiß arbeitet.
![]() ![]() |















